Gude, Eintracht-Gemeinde!

Wir kennen das doch alle aus dem echten Frankfurter Leben: Man lädt zur großen Sause in die heimischen vier Wände ein. Die Playlists sind kuratiert, das Mispelchen steht kalt, die Schnittchen und der Handkäs sind akkurat aufgereiht, und für die ersten zwei Stunden läuft der Abend wie geschmiert. Man wähnt sich als perfekter Gastgeber, flirtet mit der Rolle des ewigen Charmeurs und sonnt sich im Glanz der eigenen Herrlichkeit.

Doch dann passiert das unvermeidliche Frankfurter Party-Schicksal: Irgendwer schüttet klebrigen Likör über den Perserteppich, die angeheiratete Verwandtschaft verdrückt sich feige durch die Hintertür, die ungebetenen Freunde der Cousine drehen die Musik auf Anschlag und tragen ganz ungeniert Omas poliertes Tafelsilber aus der Wohnung. Und während man am Folgetag mit pochendem Schädel vor den Scherben steht, murmelt man trotzig: „Eigentlich war die Feier genial – der blöde Nachbar von gegenüber hat uns einfach die Stimmung versaut!“

Exakt dieses Drama bekamen 59.100 Zeugen im Deutsche Bank Park beim 1:4 (1:0) gegen den FC Augsburg serviert. Was als glanzvolles Einstandsfest für die Heim-Rückkehr von Adi Hütter gedacht war, endete in einer kollektiven Katerstimmung sondergleichen.

Halbzeit eins: Gourmet-Häppchen und Sektempfang

Der Empfang, den unsere Eintracht bereitete, glich zunächst einem rauschenden Fest. Mit über 60 Prozent Ballbesitz schnürten unsere Jungs die bayerischen Schwaben in deren eigener Hälfte ein, als wären die Gäste lediglich Statisten beim Schaulaufen. Schon in der 6. Minute explodierte die Hütte: Younes Ebnoutalib narrte die Augsburger Außenbahn mit feiner Klinge, servierte eine Maßflanke an den Fünfmeterraum, und Jonathan Burkardt nickte per wuchtigem Kopfball über Hennes Behrens hinweg zum 1:0 ein. Die Stimmung im Waldstadion kochte über, das Buffet war eröffnet.

Unsere Eintracht spielte phasenweise Katz und Maus mit den Gästen. Can Uzun tanzte durch die Reihen (11.), Raphael Onyedika feuerte aus der zweiten Reihe (28.) und Elias Baum schnupperte am zweiten Treffer (32.). Spätestens kurz vor der Pause hätte der Deckel endgültig auf dem Topf sein müssen: Ebnoutalib scheiterte erst freistehend per Heber (39.) und verzog kurz darauf aus sieben Metern völlig unbedrängt (42.).

Dass es zur Pause nur 1:0 stand, lag einzig an FCA-Keeper Finn Dahmen, der wie ein wachsamer Türsteher alles abräumte, was auf seine Bude flog. Augsburg fand offensiv bis auf einen Freistoß von Fabian Rieder in der Nachspielzeit schlicht nicht statt. Doch statt mit einem standesgemäßen 3:0 in die Kabine zu schlendern, ging unsere Eintracht mit einem hauchdünnen Vorsprung zum Pausentee – der Klassiker, bei dem man sich zu früh im Siegesrausch wähnt.

Der 119-Sekunden-Kater: Wer hat den Schlüssel stecken lassen?

Was sich direkt nach dem Wiederanpfiff abspielte, schmerzt jedem Eintracht-Fan bis ins Mark. Augsburgs Trainer Manuel Baum hatte in der Kabine umgestellt, während unsere Eintracht offenbar noch gedanklich an der Bar lehnte.

Binnen sage und schreibe 119 Sekunden kollabierte die Frankfurter Festgesellschaft komplett.

Zwei Gegentore in knapp zwei Minuten – das ist fußballerisches Fremdschämen in Reinform. Als Schiedsrichter Daniel Schlager unserer Eintracht in der 49. Minute nach einem Einsteigen gegen Burkardt auch noch den Elfmeterpfiff verweigerte, brach das Nervenkostüm endgültig zusammen. Die Ordnung war dahin, die Souveränität verflogen, und im Mittelfeld verabschiedete sich die kollektive Absicherung schneller als die bucklige Verwandtschaft vor dem Abwasch.

Raubzug im Wohnzimmer: Die Gäste nehmen das Silberbesteck mit

Wer nun auf eine Trotzreaktion unserer Eintracht hoffte, sah sich bitter enttäuscht. Augsburg zog sich nicht ängstlich zurück, sondern nutzte unsere offenen Scheunentore mit eiskalter Präzision.

Die absolute Demütigung folgte in der 65. Minute: Ein simpler Augsburger Einwurf hebelte unsere Restverteidigung komplett aus. Han-Noah Massengo legte quer auf Alexis Claude-Maurice, der aus 16 Metern alle Zeit der Welt hatte, um den Ball mit einem frechen Schlenzer zum 1:3 ins Eck zu streicheln – ein Treffer mit einer statistischen Torwahrscheinlichkeit von lächerlichen sieben Prozent!

Auch die Wechsel von Adi Hütter – unter anderem kam Fan-Liebling Timothy Chandler für Baum, später noch Sturm-Hoffnung Malik Pimpong – verpufften wirkungslos. Den Schlusspunkt setzte Augsburgs Fabian Rieder in der 89. Minute, als er einen Freistoß aus 20 Metern wie an der Schnur gezogen zum 1:4 in den Winkel zirkelte.

Mit dem Schlusspfiff war die Groteske perfekt: Der FC Augsburg kletterte nach zwei Spieltagen zum allerersten Mal in seiner 16-jährigen Bundesliga-Geschichte an die Tabellenspitze. Augsburg als Spitzenreiter in unserem Wohnzimmer – mehr Party-Crashen geht nicht.

Der Nachbar ist schuld: Die Ausreden-Parade

Nach dem Schlusspfiff folgte die unvermeidliche Presse-Schadensbegutachtung. Statt schonungslos zu analysieren, warum man die eigene Haustür sperrangelweit offenstehen ließ, flüchteten sich die Verantwortlichen in die beliebten Klassiker der Fußball-Rhetorik:

Sportvorstand Markus Krösche verwies pflichtbewusst auf den Reifeprozess: Man habe viele junge Spieler wie Elias Baum, eine komplett neu formierte Zentrale und brauche schlicht Geduld. Cheftrainer Adi Hütter bemühte die ewige Weisheit, dass ein Spiel nun mal 90 Minuten dauere und nicht 45. Man könne Gegentore nicht einfach „aus dem Nichts“ fangen und danach den Faden verlieren. Dass unsere Eintracht nach dem 3:3 bei Union Berlin nun schon sieben Gegentore in zwei Partien gefressen hat, bezeichnete er immerhin treffend als inakzeptabel.

Auch die Profis standen wie begossene Pudel vor den Mikrofonen. Torschütze Jonathan Burkardt gestand ehrlich: „Du kommst aus der Halbzeit, liegst auf einmal 1:2 hinten und weißt gar nicht so wirklich, was passiert ist.“ Mario Götze trauerte den vergebenen Hochkarätern der ersten Hälfte nach und mahnte an, dass das Spiel frühzeitig hätte gekillt werden müssen.

Fazit: Scherben aufkehren vor dem NICHT-Derby!

Liebe SGE-Fans, seien wir ehrlich: Wer nach einer 1:0-Gala-Halbzeit derart die Zügel schleifen lässt, darf sich nicht wundern, wenn die Gäste am Ende nicht nur die Reste vom Buffet vertilgen, sondern gleich die ganze Einrichtung mitnehmen. Die Ausrede, dass die Nachbarn zu laut waren oder der Schiri die Musik abgedreht hat, zieht nicht. Wenn man in zwei Spielen sieben Gegentreffer schluckt, brennt schlicht die eigene Hütte lichterloh.

Kommenden Spieltag wartet das Nachbarschaftsduell beim 1. FSV Mainz 05. Wenn unsere Eintracht dort wieder nach 45 Minuten das Verteidigen einstellt und auf kollektive Gemütlichkeit umschaltet, wird das nächste Fest genauso bitter enden. Also: Partykeller aufräumen, Defensive dichtmachen und in Mainz zeigen, wer im Rhein-Main-Gebiet wirklich das Sagen hat!

Bild: © Florian Wiegand/dpa

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